AIAT

Auroville

Berufsfachschule AIAT 

Das Entwicklungshilfeprojekt Berufsfachschule AIAT (Auroville Institute of Applied Technology) in Irumbai/Südindien

1. Problemstellung

Bildung ist der Schlüssel zur Überwindung von Elend und Armut. Einige Zahlen aus Tamil Nadu in Südindien, dem Projektgebiet unseres Vereins, verdeutlichen den Stand allgemeiner Schulbildung:

Lesen/Schreiben können in Tamil Nadu:

Bevölkerung
%


%


%

insgesamt 73 82 64
auf dem Lande 66 77 55

Bei der Berufsausbildung sieht es noch düsterer aus:
In Indien haben nur ca. 5% der ArbeiterInnen eine berufliche Ausbildung, (bei uns 80%). Die meisten Kinder verlassen die Schule vor oder nach der achten Klasse. Berufliche Bildung wird nur sehr ungenü­gend angeboten. Private Schulen sind im ländlichen Raum kaum anzutreffen und wenn ja sind sie wegen der Ausbildungsgebühren unerschwinglich für die Masse der armen Bevölkerung. Wegen der fehlenden Qualifikationen geht der wirtschaftliche Aufschwung in Indien an 80% der Menschen vor­bei. Mädchen und Frauen haben es besonders schwer. Ohne berufliche Ausbildung gibt es aber keine sozialen Aufstiegsmöglichkeiten und eine Perspektive für ein gesundes Leben in Würde und mit Ent­faltung des eigenen Potenzials.

In der ganzen Region um Auroville gibt es für eine Bevölkerung von 70.000 neben der im Aufbau befindlichen AIAT (Auroville Institute of Applied Technology), die früher unter dem Namen AIS ( Auroville Industrial School) bekannt war, in Irumbai westlich von Auroville seit 2008 nur eine weitere staatlich anerkannte Berufsfachschule für Computeranwendungen an der Küstenstraße östlich von Auroville sowie noch ein neu eröffnetes privates College für Computeranwendungen und -Programmierung. Der bisherige Ausbau der AIAT war 2004 von VFAVR und BMZ finanziert worden.

2. Bisherige Erfolge der AIAT 

Im ersten vollen Studienjahr von Mitte 2005 bis 2006 wurden 23 Jugendliche beider Geschlechter, davon 13 aus Tsunami betroffenen Familien, in den Fächern Sekretariat, Anwendungsprogramme, Computer-Hardware und Elektronik, ausgebildet. Die Ergebnisse waren im ersten Jahr schon so gut, dass AIAT in ganz Tamil Nadu auf den Rang 2 der vergleichbaren Berufsfachschulen gelangte. Zwei Studenten landeten sogar auf Rang 5 und 6 im landesweiten Vergleich aller Studenten.
AIAT bietet darüber hinaus Life Education in Englisch, Sport und Yoga, Kommunikationstraining, Selbstpräsentation in Bewerbungen und Interviews, sowie Information zu Fragen der Gesundheits- vorsorge und Familienplanung. Daneben gibt es Abendkurse für die arbeitende Bevölkerung in Englisch, Anwendungsprogrammen und computergestützter Buchhaltung.

Im zweiten abgelaufenen Studienjahr bis Mitte 2007 wurden 30 Jungen und 13 Mädchen ausgebildet, davon wiederum 11 aus Tsunami betroffenen Familien. Diesmal verbesserte sich AIAT noch einmal im landesweiten Vergleich auf Rang 1 bei Computerhardware und auf Rang 2 bei Anwendungspro­grammen.

Sehr erfreulich ist, dass fast alle Schüler nach Abschluss ihrer Ausbildung entweder einen gut bezahl­ten Job, einen weiterführenden Studienplatz oder eine Lehrstelle in einer Fachfirma gefunden haben. Die sie aufnehmenden Firmen/Organisationen sind voll des Lobes über die Qualität der Ausbildung. So hat z.B. der Leiter der Firma Well-Paper sich begeistert über die Kenntnisse aber auch über die Persönlichkeit seiner neuen Sekretärin geäußert und angedeutet, dass er sie schon für größere Aufga­ben vorgesehen hat. Eine andere Schülerin erhält in einem Unternehmen in Auroville als Anfangsge­halt gleich 2.800 Rupien/Monat bzw. 50 €/Monat (Durchschnitt für ungelernte Arbeiter 1.750 Rs/Monat).

Darüber hinaus hat AIAT bisher mehr als 200 Schüler und Schülerinnen in Abendkursen fortgebildet. Diese Zusatzqualifikation ermöglichte es ihnen, einen besseren Job zu finden. Vor allem Frauen haben regen Gebrauch von den Abendkursen gemacht.

Spenden für AIAT kommen also den betroffenen Menschen direkt zu Gute und sind eine echte Hilfe zur Selbsthilfe. Es ist offensichtlich, dass diese Strategie der Armutsbekämpfung erfolgreich ist.

Im dritten abgeschlossenen Schuljahr von August 2007 bis Juli 2008 hat AIAT wieder ein sehr gutes Ergebnis für ihre Schüler bei den Abschlussprüfungen erzielt, zumal AIAT bei der Aufnahme keine Auswahl von SchülerInnen vorgenommen hatte und damit jeder, der eine Aufnahme suchte, auch aufgenommen wurde. Es war deshalb nicht immer leicht, mit fast 80 Schülern aus verschiedensten Gruppen umzugehen, insbesondere weil auch einige sehr schwierige Schüler dabei waren.

Insgesamt haben 67 Schüler an den Abschlussprüfungen teilgenommen. Davon haben sechs mit Auszeichnung und acht mit sehr gut, 41 Schüler mit gut und zehn mit ziemlich gut bzw. ausreichend abgeschnitten. Leider hat die Tamil Nadu Regierung dieses Jahr das "Ranking" der Berufsfachschulen eingestellt, weil einige einflussreiche Politiker, die selbst solche Schulen privat betreiben, dagegen waren. Der Schulleiter Lavkamad Chandra glaubt, dass die AIAT mit Sicherheit wieder zu den 10 besten Berufsfachschulen von Tamil Nadu gehören dürfte. Anderseits haben zwei Schüler den Abschluss nicht geschafft und 13 Schüler haben aus verschiedensten Gründen entweder nicht an der Prüfung teilgenommen oder haben ihre Ausbildung abgebrochen.

3. Derzeitige Situation der AIAT

Die wirtschaftliche Situation der Berufsfachschule hat sich in den drei abgeschlossenen Haushaltsjahren stetig verbessert. Der Kostendeckungsgrad aus den regulären Einnahmen betrug im Jahr 2005/2006 nur 34%, stieg dann in 2006/2007 auf 64% und erreichte im Jahr 2007/2008 bereits knapp 80%. Das Defizit wurde bislang immer durch private Spenden ausgeglichen. Durch den weiteren Ausbau der Schule werden zur Zeit die Voraussetzungen für eine weitere Steigerung der Kostendeckung in Zukunft geschaffen. Denn dadurch kann das Kursangebot für Erwachsene und Jugendliche auch am Abend dank zahlreicherer Räume deutlich erweitert und die Einnahmensituation weiter verbessert werden.

Das laufende Jahr, in dem zwar in die Verdopplung der Kapazität investiert wird, diese Investition aber noch keine Auswirkungen zeitigen kann, wird ein schwieriges Jahr werden. Die Gründe sind zum einen die hohe Inflation in Indien, mit der die Einnahmen nicht Schritt halten kann, zum anderen Veränderungen im schulischen Umfeld: So hat die Regierung von Tamil Nadu im Sommer 2008 die Prüfungsstandards beim Abschluss der 10-ten Klassen deutlich herabgesetzt. Dies hatte zur Folge, dass viele SchülerInnen, die sonst die Sekundarstufe mit der 10-ten Klasse verlassen haben, eine Chance sahen, bis zur 12-ten Klasse weiter zur Schule zu gehen. Dadurch war die Nachfrage nach einem Ausbildungsplatz an der AIAT unerwartet eingebrochen. Hinzu kam, dass die Regierung die Schulen vermehrt mit Computern ausgestattet hat und an den Schulen selbst nun billige Einführungskurse zu Computer-Anwendungen angeboten werden, die zwar nicht mit den Kursen der AIAT zu vergleichen sind, aber eben doch die Nachfrage bei der AIAT reduziert haben. Ferner bietet seit 2008 eine private Berufsfachschule östlich von Auroville auch eine Ausbildung in Computeranwendungen an. Neuerdings gibt es in derselben Gegend an der Küste auch ein privates College für Computerprogrammierung und -anwendungen. So haben sich in diesem Schuljahr 2008/09 nur 60 SchülerInnen bei AIAT eingeschrieben.

In Reaktion darauf wird das Kursangebot der AIAT ab Sommer 2009 der veränderten Situation und Nachfrage angepasst. Die wichtigste Änderung ist ein neuer Kurs in Bauassistenz inkl. Bauzeichnen anstelle eines zweiten Kurses in Computerinstandhaltung. Darüberhinaus hat Frau Subhashakti, eine indische Expertin für Marketing und Geschäftsentwicklung, die für AIAT ehrenamtlich arbeitet, ein Berufsberatungskonzept für Abgänger der umliegenden Schulen erarbeitet, das im Laufe des Jahres auch umgesetzt wird. Mit dieser Beratung erhalten die Jugendlichen ein klares Bild, welche Chancen sie mit welchen Ausbildungswegen haben. Als Nebeneffekt wird erwartet, dass mehr Jugendliche als bisher den Wert einer Ausbildung bei AIAT besser einschätzen können und die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen mit der Erweiterung der AIAT Schritt halten wird.

 

 

 

 

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